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1 | 2017

Das E-Magazine der Techniker Krankenkasse

Demokratie braucht Streitkultur

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Sie sind geduldig und argumentieren gern. Sie haben keine Angst vor Menschen. Und sie sind bereit, anspruchsvolle Aufgaben zu übernehmen. Wer sich politisch engagiert, setzt einen Großteil seiner Zeit für gesellschaftlich relevante Aufgaben ein. Zum Glück! Denn wir brauchen demokratisch gewählte Vertreter, in der Politik wie in der Sozialversicherung.

Auf der politischen Bühne gehören sachliche Auseinandersetzungen und oft auch Polemik zum Alltag. Doch derzeit sehen sich politisch Engagierte teils heftigen Attacken im Netz ausgesetzt. Besonders in den sozialen Medien wie Facebook werden sie unfair angegriffen: Gefälschte Bilder zeigen sie vor einem Erschießungskommando. Man legt ihnen erfundene Zitate in den Mund. Oder setzt sie mit falschen Skandalmeldungen in ein schlechtes Licht.

Rasante Verbreitung im Netz

Hasskommentare und Fehlinformationen verbreiten sich blitzschnell im Netz, wenn man sie mit Freunden und Freunden von Freunden teilt. Oft ohne nachzudenken, ob die „Nachricht“ tatsächlich wahr ist. Manchmal aber auch absichtlich, um Stimmung zu machen. Und nicht nur Menschen verbreiten auf diese Weise ihre Meinung. Auch Computerprogramme, sogenannte Bots (vom englischen „robots“, Roboter), posten auf Facebook, twittern oder „liken“ die Beiträge anderer, die dadurch scheinbar mehr Gewicht gewinnen.

Bewusst gesetzte Falschmeldungen

Manche Falschmeldungen werden von Gruppen oder Einzelpersonen aus politischen Gründen lanciert. Andere wollen mit erfundenen Nachrichten Besucher auf ihre Seite locken und damit online Geld verdienen. Auch manche „alternative Medien“ tragen zu einem Klima der Aggression bei. Einige von deren Betreibern verstehen sich als Kämpfer in einem Informationskrieg. Sie wollen eine „Gegenöffentlichkeit“ schaffen und setzen zum Beispiel auf eine einseitige Auswahl von Nachrichten. Einige betreiben ihre Webseite anonym. Weil das in Deutschland verboten ist, nutzen sie Server im Ausland, etwa in den USA. Von dort können sie aggressive Inhalte verbreiten, die in Deutschland strafrechtlich verfolgt würden oder aus Gründen des Jugendschutzes unzulässig sind.

Fake News kann man melden

Gewaltverherrlichende, volksverhetzende und jugendgefährdende Inhalte können Sie melden. Eine gute Adresse sind die Medienanstalten der Länder, etwa die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein. Sie gehen Beschwerden nach, veranlassen mögliche Gegenmaßnahmen oder leiten die Meldung an die zuständigen Stellen weiter. Wenn nötig, erstatten sie Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.

Auch die Beschwerdeseite von www.jugendschutz.net hilft weiter. Das Kompetenzzentrum für den Jugendschutz im Internet, getragen von Bund und Ländern, prüft gemeldete Seiten und sorgt, wenn möglich, für Abhilfe. Auf Facebook und Co. können angemeldete Nutzer gegen Hasskommentare und Fake News den dafür vorgesehenen „Melden“-Button nutzen. Facebook will künftig zudem deutlich machen, wenn Informationen in Verdacht stehen, gezielt falsch zu sein. Gegen strafrechtliche relevante Inhalte – zum Beispiel Beleidigungen gegen Sie selbst – können Sie Strafanzeige stellen. Die zuständige Behörde finden Sie unter www.polizei.de.

Ihre Stimme zählt 

Demokratie braucht das Engagement aller. Unterstützen Sie deshalb diejenigen, die sich für Demokratie und eine demokratische Streitkultur einsetzen – in der Kommune, im Land, im Bund oder in der Sozialversicherung. Zum Beispiel, indem Sie wählen – auch bei der Sozialwahl. Denn Ihre Stimme zählt.

Fit gegen Fake News

Es ist nicht immer leicht zu unterscheiden, ob eine Information richtig oder falsch ist. Doch reißerische, skandalisierende Überschriften und Meldungen sollten Sie skeptisch machen. Ebenso, wenn Sie kein Impressum oder viel Meinung, aber kaum Inhalt finden. In ihrem Magazin „Scout“ erklärt die Medienanstalt Hamburg und Schleswig-Holstein unter anderem, wie man Fake News erkennen und was man dagegen tun kann.

In der folgenden Zusammenstellung erfahren Sie viel Wissenswertes, das Ihnen hilft, aufmerksam zu sein, um Fake News besser zu erkennen.

Auch der Artikel “Stellung beziehen: Gegen den Hass im Netz” im TK-Blog “Wir Techniker” befasst sich mit diesem Thema.

  • Was sind Fake News?

    Teenager ergoogeln sich die Welt und tauschen sich per What´s App, Snapchat oder Facebook über das Geschehen aus. Sie posten, liken und teilen Inhalte aus den unterschiedlichsten Quellen. Dabei laufen sie zunehmend Gefahr, Falschmeldungen für bare Münze zu nehmen. Wir können ihnen dabei helfen, aufmerksam zu sein und Lügen zu erkennen.

    Alles Lüge, oder was?

    „Mir geht es gut“, „Schön dich zu sehen!“ oder „Ich schau nur Arte“: Hand aufs Herz, mit der Wahrheit nehmen wir es nicht immer so genau. Schummeleien gehören zum Alltag. Wir tun es, die anderen tun es, und wir wissen darum.

    Von unserer Morgenzeitung dagegen erwarten wir, dass sie es mit der Wahrheit sehr genau nimmt. Doch leider rutscht auch ihr die eine oder andere Falschmeldung durch, weil Fakten nicht ausreichend gecheckt wurden. Ärgerlich, aber das passiert.

    Gefährlich wird’s, wenn Unwahrheiten mit Vorsatz, Berechnung oder Hinterlist in die Online-Welt gesetzt werden. Wenn Lügen zur Waffe werden und wir sie nicht erkennen. Dagegen müssen wir uns und unsere Kinder wappnen. Wir müssen sie fit gegen solche „Fake News“ machen.

    Das Phänomen Fake News

    Fake News sind gezielt gestreute Falschmeldungen. Sie werden zum Beispiel als „Klickköder“ („Click baits“) ausgelegt, um Menschen auf bestimmte Internetseiten zu locken und damit Werbeeinnahmen zu erzielen.

    Teenager aus Kanada zeigten, wie es geht: Yaman Abuibaid und Dare Adebanjo erfanden spektakuläre Schlagzeilen wie: „Die Terrormiliz IS versteckt Bomben in Kinderspielzeug!“ Sie dachten sich einen kurzen Text dazu aus, retuschierten ein Bild und stellten das Ganze online. Ihre Artikel wurden tausendfach in Sozialen Netzwerken geteilt und hunderttausendfach angeklickt. Mit geringem Aufwand erzielten die Teenager einen enormen Traffic auf ihrer Seite „HotGlobalNews“. Diese enthielt Google-Anzeigen – und jeder Klick darauf ließ die Kasse der Kids klingeln.

    Noch perfider: Fake News werden gezielt zur Meinungsmache eingesetzt: „Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen.“ Ein Schweizer Rechtspopulist legte dieses Zitat der Grünen-Politikerin Renate Künast in den Mund und postete es im Dezember 2016 auf Facebook, zusammen mit einem Foto der Politikerin und der Quellenangabe: „Süddeutsche Zeitung“. Ein gefaktes Zitat zu einem realen Geschehen: Es waren der Mord an der Studentin Maria L. und die Festnahme eines Verdächtigen in Freiburg. Binnen kurzer Zeit wurde der gefälschte Beitrag 4.000 mal geteilt und mit zahlreichen empörten Kommentaren versehen. Den Anfang machte der Rechtspopulist selbst: „KRANK oder?!?“

    Rechtsextreme und Populisten streuen Fake News mit reißerischen Schlagzeilen, gefälschten Bildern oder Clips, um Stimmung gegen Geflüchtete, Muslime, Politiker, die „Lügenpresse“ oder „Gutmenschen“ zu machen. Sie inszenieren Bedrohungsszenarien und schüren Angst oder Hass. Sie vergiften das Diskussionsklima und erschüttern das Vertrauen in die Demokratie.

    Das Rezept lautet: Fakten verdrehen, Fakten auslassen, Nachrichten aufbauschen oder schlicht lügen.

    Fake News sind kein neues Phänomen. Der Begriff wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts für Falschmeldungen in Zeitungen verwendet. Neu ist ihre rasante Verbreitung. Sie werden immer professioneller, kommen in einem vermeintlich seriösen Gewand daher und wirken auf den ersten Blick glaubhaft. Sie werden leichtgläubig geteilt und verbreiten sich wie ein Lauffeuer.

    Autorin: Carole Possing, Programmreferentin bei der Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein (MA HSH)“.

    Der Artikel wurde zuerst im Magazin scout veröffentlicht.

  • Das können wir dagegen tun
    • Fake News sind in aller Munde, und die Politik hat ihnen im Wahljahr 2017 den Kampf angesagt. Verbesserte Meldefunktionen sollen her und eine Kennzeichnung. Bis solche Maßnahmen verlässlich greifen, dauert es aber. Deswegen gilt es, Teenager für das Phänomen zu sensibilisieren und ihnen beizubringen, wie man Fake News auf die Schliche kommt.Und wie können wir uns und unsere Kinder fit gegen Fake News machen? Mit einer gehörigen Portion Skepsis und einem kritischen Blick auf die Quellen- und Faktenlage.

     

    • Skeptisch sein „Geheim!“, „Exklusiv!“, „Unzensiert!“. Spektakuläre oder skandalöse Nachrichten können „Fake“ sein. Skepsis ist auch bei einseitigen und emotionalen Beiträgen auf sogenannten alternativen „Nachrichten-Seiten“ angebracht. Sie prangern eine vermeintlich verfehlte Asylpolitik an oder berichten einseitig negativ über Geflüchtete oder Muslime. Sie bezeichnen seriöse Medien als „Lügenpresse“ und geben vor, die „Wahrheit“ zu verkünden, nehmen es mit dieser aber nicht so genau. Und nein: Viele Likes sind kein Garant dafür, dass eine Seite vertrauenswürdig ist oder eine Nachricht der Wahrheit entspricht! Deswegen müssen manche Nachrichten und Seiten auf den Prüfstand.

     

    • Die Quelle checken Ist die Quelle seriös? Was wird sonst noch auf der Seite veröffentlicht oder gepostet? Wirklich „ehrliche Nachrichten“ oder doch eher Unsinn?Stammt eine Nachricht von einer unbekannten Nachrichtenseite, lohnt ein Blick in das Impressum. Fehlen dort Adressangaben oder Ansprechpartner, ist Vorsicht geboten. Weitergehende Infos im Netz können Aufschluss über den Autor geben. Bei der Einschätzung von Quellen helfen gezielte Suchen mit der Suchmaschine. Zwei Suchbefehle sind dabei hilfreich: Bei Google die Internetadresse (URL) der Quelle eingeben und die Bezeichnung „site:“ davor schreiben, also in etwa so: [site:zumbeispiel.de]. Google listet dann alle Beiträge auf, die auf der Seite veröffentlicht wurden. Sind diese Beiträge sehr einseitig, kann die Objektivität der Quelle angezweifelt werden. Gibt man in die Suchmaske von Google die Quelle folgendermaßen ein: [„zumbeispiel.de“-site:zumbeispiel.de], dann erhält man Treffer, in denen über die Seite berichtet wird. Wenn die Quelle überwiegend in rechtsextremen Kontexten auftaucht, kann das auch eine wichtige Info sein.

     

    • Das Bild checken Bilder kann man mit der Seite fotoforensics.com auf nachträgliche Bearbeitungen und Montagen hin überprüfen. Mit der Google-Bildersuche oder der Seite tineye.com erhält man alle Fundstellen des Bildes im Netz. Mit Rechtsklick der Maus kann man die Grafik-Info eines Bildes aufrufen und sich Informationen wie Datum, Titel, Autor und Beschreibung anzeigen lassen. Das Einstelldatum gibt Aufschluss darüber, ob ein besonders spektakuläres Bild zum aktuellen Anlass passt oder aus dem Zusammenhang gerissen und zur Meinungsmache instrumentalisiert wurde.Zur Überprüfung von YouTube-Videos gibt es unter anderem den YouTube Data Viewer von Amnesty International. Der YouTube-Kanal „Besorgte Bürgerin“ gibt weitere hilfreiche Tipps. Eine Profisuche und Anleitungen zur Verifizierung von Fotos und Videos bietet die Journalistenplattform Firstdraftnews.

     

    • Die Fakten checken Handelt es sich bei dem geposteten Artikel noch um das Original oder wurden Überschrift oder Vorschautext vielleicht verändert? Eine Suche im Netz kann Aufschluss geben. Fündig wird man, wenn man einen Textausschnitt in die Suchmaske eingibt. Wir können über Suchmaschinen prüfen, ob auch andere, vertrauenswürdige Medien diese Nachricht verbreiten. Vielleicht wurde die Nachricht bereits als „Fake“ entlarvt. Portale wie mimikama.at oder hoaxmap.org klären über Falschmeldungen auf.

     

     

    • Am Ball bleiben Weitergehende Informationen, Tipps und Clips sowie Unterrichtsmaterialien finden sich auf klicksafe.de. sogehtmedien.de von ARD und ZDF enthält unter anderem ein „Fake-Tutorial“.Der österreichische Verein mimikama.at prüft, ob Meldungen im Internet erfunden sind, oder nicht. Die Seite bietet eine Suchmaschine für Falschmeldungen an.Erste Schritte zum Erkennen von Fake-News erklärt das YouTube-Video „Frag Barbara!“.Die österreichische Initiative Saferinternet.at hat eine Studie zum Thema „Gerüchte im Netz“ veröffentlicht. Dazu wurden 400 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren zu ihrem Umgang mit Informationen aus dem Internet befragt.

    Autorin: Carole Possing, Programmreferentin bei der Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein (MA HSH)“. Der Artikel wurde zuerst im Magazin Scout veröffentlicht.

  • Aktiv gegen Hassrede

    Im August 2015 erstickten 71 Menschen in einem LKW in Österreich. Kommentare dazu auf Facebook: “Was ein Glück. Paar Flüchtlinge weniger. Dreck braucht man nicht.” oder “Selber schuld, wären sie nicht geflüchtet!!!! kein mitleid!!!”.

    Im April 2017 tötete ein Mann aus Usbekistan in Stockholm vier Menschen und verletzte weitere 15 mit einem LKW. Kommentare nach seinem Geständnis: “Jeden Islambereicherer eintüten + Sippschaft & alle raus schmeißen..” oder “Das einzige, was mich wirklich interessiert, ist der Hinrichtungstermin.” Kommentar zu einem Bericht über ein erhöhtes Armutsrisiko bei Migranten: “sollten eben nicht zu faul sein um zu Arbeiten doch das Wort kennen die nicht mal.”

    Gute Laune macht es nicht, sich die Kommentare auf den Social-Media-Seiten von Medien anzuschauen. Eher ist man entsetzt über das Ausmaß an Häme, Gewalt- und Vertreibungsphantasien, Schadenfreude und Bosheit, das aus manchen Kommentaren spricht. Das schreckt viele ab. Eine aktuelle Studie des Eurobarometer aus Oktober 2016 zeigt: Drei von vier Nutzern sind schon mit Hasskommentaren und Drohungen im Netz in Berührung gekommen. Jeder zweite mag sich wegen solcher Kommentare nicht an Diskussionen im Netz beteiligen.

    Objekt der Hetze sind derzeit oft Flüchtlinge. Aber auch andere “Andersartige” und Menschen, die für etwas stehen, werden mit enthemmten Kommentaren überzogen, zum Beispiel Homosexuelle, Feministinnen, Politiker oder andere, die sich öffentlich äußern.

    Hassrede gab es schon immer und auf allen Kontinenten. Oft mit schlimmen Konsequenzen wie Pogromen, Vertreibungen, Gewalt und sogar Völkermord. Denn Sprache geht der Gewalt voraus. Sie ist aber auch selbst ein Mittel der Gewalt. Denn Menschen wollen dazugehören, respektiert und anerkannt werden. Werden sie gedemütigt oder verleumdet, sind in ihrem Gehirn die gleichen Areale aktiv wie bei körperlichen Schmerzen.

    Hassrede kann krank machen

    Die Psychologin Dorothee Scholz aus Berlin beschäftigt sich seit Jahren mit den Effekten von Hassrede. Sie sagt: “Die emotionale Reaktion auf Hate Speech bei Betroffenen ist in schweren Fällen nicht von Reaktionen auf klassische Krisen, wie zum Beispiel Vergewaltigungen oder Überfälle, zu unterscheiden.” Ein Shitstorm verstört und bedeutet großen Stress. Er kann den Kreislauf durcheinanderbringen, Depressionen und Ängste auslösen. Bedrohungen und Häme führen zu Scham, Verunsicherung und Ohnmacht. Für manche ist die Konsequenz, sich ganz aus der öffentlich wahrnehmbaren Diskussion zurückzuziehen. Dann waren die Hassredner erfolgreich: Sie haben ihren Gegner mundtot gemacht.

    Hassbotschaften entwerten ihre Adressaten oder die Personen, die sie angreifen. Nicht selten sprechen sie ihnen die Menschlichkeit ab. Das verletzt die Betroffenen, hat aber auch Auswirkungen auf den Hassredner selbst. Dorothee Scholz: “Informationen über derart reduzierte Menschen werden dann zum Teil in Regionen des Gehirns verarbeitet, die für Information über Gegenstände zuständig sind. Dadurch sinkt die Fähigkeit zur Empathie, und Gewalt auszuüben wird leichter.”

    Was motiviert Hassredner?

    Wer mit Hassrede konfrontiert ist, tappt oft in die Falle, dass er die Botschaft zunächst als eine normale Interaktion einordne, sagt die Psychologin. Denn Menschen kommunizieren in der Regel angemessen miteinander. “Doch eine Hassbotschaft ist keine normale Interaktion. Sie ist eine Projektion auf diesen Menschen. Sie hat also weniger mit der Person zu tun als mit der Belastung der Täter und dem Wunsch, sich zu entlasten von einer Angst, einem Frust und der daraus erwachsenden Aggression,” so Dorothee Scholz. Vereinfacht gesagt: Hassredner bekämpfen Menschen, um Frust und Ohnmachtsgefühle loszuwerden und wieder Handlungsmacht zu erlangen.

    Angehörige von Gruppen, denen sich der Täter fremd fühlt, eignen sich besonders für diese Projektion. Denn Empathie empfindet man vor allem für die, die man als ähnlich wahrnimmt. Verstärkt wird die Distanz zum Beispiel durch die vermeintliche Anonymität im Netz. Scholz: “Studien konnten zeigen, dass psychische Gewalt unter solchen Bedingungen extremere Formen annehmen kann. Hinzu kommt: Hemmende Faktoren, wie das Leid der Betroffenen direkt zur erfahren oder eine kritische Reaktion der Umwelt zu fürchten, fehlen tendenziell.”

    Hassrede erkennen

    Einige typische Merkmale der Hassrede hat Facebook zusammen mit der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin zusammengestellt. Einige Beispiele: Hasskommentare

    • verallgemeinern (“Alle … sind….”)

     

    • beschimpfen pauschal bestimmte Gruppen oder werten sie ab, etwa wegen ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, Religion oder ethnischem Hintergrund

     

    • beziehen sich auf Verschwörungstheorien, zum Beispiel auf heimliche Strippenzieher und Nutznießer oder unbekannte Mächte

     

    • argumentieren mit falschen Informationen, auch unterlegt mit falschen Statistiken (etwa “Ausländer beuten Sozialsysteme aus”, “das haben Wissenschaftler festgestellt, ich hab nur den Link nicht da”.)

     

    • erzeugen Gegensätze (“Wir” und “Die”), oft verbunden mit einem vermeintlichen Handlungszwang, der Aktionen bis zur Gewalt erforderlich macht. (“Wenn wir jetzt nicht …, dann…”)

    Aktiv gegen den Hass

    Hassrede im Netz ist sehr oft öffentlich sichtbar. Man kann also eingreifen und sich zum Beispiel solidarisch mit Angegriffenen zeigen. Zum Beispiel zur Mäßigung aufrufen, Angriffe zurückweisen, die Diskussion versachlichen und deutlich machen, dass Hasskommentare nicht akzeptiert werden. Dazu braucht es Zivilcourage und Verantwortung. Diese “Gegenrede” zeigt Betroffenen, dass andere zu ihnen stehen. Und Außenstehenden, die sich sonst einfach zurückziehen würden, dass es nicht nur enthemmte Hasser gibt. Nicht zu handeln, bestärkt dagegen die Aggressiven. Sie fühlen sich frei, weiter Hasskommentare zu verbreiten.

    Gegenrede kann man auch organisiert leisten. Die Facebookgruppe #Ichbinhier zum Beispiel hat sich zum Ziel gesetzt, die Vorherrschaft der Hasskommentare zu brechen – durch eigene sachliche, höfliche und demokratische Beiträge ihrer Mitglieder. Die Gruppe konzentriert sich auf Kommentare auf den Facebook-Seiten von Nachrichtenmedien und wird dort aktiv, wo besonders viel Hassrede zu lesen ist. Wer mitmachen will, kann über Facebook um Aufnahme in die Gruppe bitten.

    Hasskommentare melden

    Darüber hinaus kann man Hasskommentare der jeweiligen Plattform, etwa Facebook, auch melden mit der Bitte, den Beitrag zu entfernen. Bei Facebook erreichen Sie derzeit diese Möglichkeit, wenn Sie rechts oben vom Kommentar auf “Verbergen” klicken. Es öffnet sich dann ein Menüpunkt, mit dem Sie den Inhalt melden können.

    Ist ein Inhalt strafrechtlich relevant, können Sie Anzeige bei der Polizei erstatten. Machen Sie dazu am besten einen Screenshot des Beitrags. Auch die Medienanstalten der Länder und jugendschutz.net, eine Institution von Bund und Ländern, gehen konkreten Hinweisen nach und prüfen sie auf strafbare und jugendschutzrechtlich bedenkliche Inhalte.

     

    • Internetwachen der Polizei

     

    Mehr zum Thema

     

    • Leitfaden zum Umgang mit Hate Speech von saferinternet.at (Seite aus Österreich)

     

    Quellen:

    Eurobarometer 452, Media pluralism and democracy, Special Eurobarometer 452, 2016. Amadeu-Antonio-Stiftung “Geh sterben – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet”, 2016; ders. mit Facebook, “Aktiv gegen Hassrede mit guten Strategien”, 2016. Unterrichtsmaterial “Hass in der Demokratie begegnen”, herausgegeben von der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V., Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. und Google Germany in Kooperation mit der Amadeu-Antonio-Stiftung, 2015. Dorothee Scholz in der Sendung des rbb, Magazin Zeitpunkte “Ich persönlich werde Sie foltern” am 8. April 2017. Beispiele für Hasskommentare vom 2. September 2015 sowie aus Kommentaren auf Focus Online im Zeitraum 09. bis 11. April 2017. Suler, J., The Online Disinhibition Effect, Cyberpsychology & Behaviour 7, 2004. Rost, K., Stahel, L., Frey BS, Digital Social Norm Enforcement: Online Firestorms in Social Media, PLoS One, 17. Juni 2016, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27315071. Harris, LT, Fiske ST, Dehumanizing the lowest of the low. Neuroimaging responses to extreme out-groups, Psychol. Sci, 17. Oktober 2006, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17100784.

     

     

     

     

     

  • Meinungsmache im Internet

    Nicht nur reale Menschen posten und “liken” auf Facebook oder folgen Twitter-Accounts von Zeitungen, Prominenten oder Politikern. Auch Computerprogramme werden dafür eingesetzt: die Social Bots.

    Das Wort “Bot” stammt vom englischen “robot” und beschreibt ganz gut, was hinter einem Social Bot steckt: Ein Programm, das so gesteuert ist, dass es automatisch Befehle ausführt. Zum Beispiel: Immer dann ein “Merkel muss weg!” zu posten, wenn es auf Nachrichtenseiten um Flüchtlinge geht. Oder immer dann, wenn das Thema Erderwärmung angesprochen wird, einen Gegenkommentar zu posten, etwa “Wer heute noch an den Klimawandel glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen.” Oder irgend etwas anderes, was der Absender gern verbreiten möchte.

    Automatisierte Kommunikation

    Social Bots sind erst einmal nur technische Möglichkeiten, automatisch zu kommunizieren. Sie können eingesetzt werden, um Informationen schneller zu verbreiten. Oder, in anspruchsvollerer Form, für eine automatisierte Beratung von Kunden.

    Neutral betrachtet, sind sie dazu da, online Aufgaben auszuführen. Sie können aber auch für kriminelle Zwecke eingesetzt werden, etwa um an vertrauliche Daten zu gelangen. Oder um Spam zu versenden. Oder um mit automatisierten Beiträgen in sozialen Netzwerken Meinungsbilder und Debatten zu verzerren, Fake News zu verbreiten und Stimmung zu machen. Solche Bots können hoch automatisiert arbeiten und auch miteinander vernetzt sein. Das erhöht ihre Durchschlagskraft noch einmal beträchtlich.

    Auch im Wahlkampf einsetzbar

    Kommunikationsforscher um den Soziologen Philip Howard von der Oxford University analysierten nach der US-amerikanischen Präsendentenwahl im Herbst 2016 mehr als sechs Millionen Tweets. Sie zeigten: Fast jeder zweite Tweet war ein Pro-Trump-Tweet. Pro Clinton war nur einer von zehn Tweets. Jeden dritte Follower von Hillary Clinton und Donald Trump identifizierten die Forscher als Bot. Bei den stark automatisierten Bots gab es sieben mal mehr Pro-Trump-Accounts als Pro-Clinton-Accounts. Das spricht dafür, dass Trump-Anhänger im besonders hohen Maß Bots genutzt haben, um ihre Botschaften zu verbreiten.

    Durch den Einsatz von Bots kann eine höhere Zahl von Followern oder Fans vorgetäuscht werden, als es tatsächlich sind. Auch die Zahl der gestreuten Informationen kann stark erhöht werden. Bot-Netze simulieren Diskussionen und täuschen menschliche Kommunikation vor. Sind sie darauf programmiert, können sie sich mithilfe künstlicher Intelligenz sogar mit realen Menschen “unterhalten”.

    Social Bots erkennen

    Steckt ein Mensch hinter einem Account oder ist es ein Bot? Manchmal ist das nicht schwer zu erkennen oder zumindest Indizien zu finden, die auf Mensch oder Bot hindeuten. Zum Beispiel, indem man sich den Output des Accounts anschaut. Menschen müssen viel mehr Zeit einsetzen als Maschinen, um einen Post oder Tweet abzusetzen. Kommunikationsforscher Philip Howard von der Oxford University und sein Forscherteam fanden 2016 heraus: Accounts, die jeden Tag die gleiche Anzahl Tweets senden oder mindestens 50 Tweets pro Tag, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Bot. Auch sehr viele Likes in kurzer Zeit sprechen dafür, dass der Absender ein Bot ist. Ebenso ist botverdächtig, wenn ein Account sehr schnell auf einen Post oder Tweet reagiert, etwa nach Sekunden. Menschen brauchen dazu in der Regel mehr Zeit.

    Auch ein Blick ins Profil lohnt sich. Häufig haben Bot-Accounts auf Twitter oder Facebook keine Profilbilder. Oder die Profilbeschreibung ist nichtssagend oder unsinnig.

    Einem Absender auf Facebook oder Twitter kann man auch Fragen stellen, um zu prüfen, ob er ein Bot ist. Vor allem Fragen, die räumliches Denken voraussetzen, können Bots in der Regel nicht beantworten, Menschen hingegen schon. Die Antworten auf Fragen “Was ist über dir” oder “Was ist unter dir?” können Rückschlüsse darauf geben, ob es sich um einen Bot handelt oder nicht.

    Oder sie posten nichts selbst, sondern teilen oder “retweeten” nur, das aber im Minutentakt. Das könnten auch Menschen sein – dann wären sie allerdings mit nichts anderem beschäftigt. Wer Propaganda machen will, für den sind Bots eine gute Sache. Ein Mittel zur transparenten, ehrlichen Kommunikation sind sie jedoch nicht. Die heute im Bundestag vertretenen Parteien haben deshalb erklärt, im Wahlkampf keine Bots einzusetzen.

    Mehr zum Thema

     

    • Podcast der Heinrich-Böll-Stiftung über Social Bots.

    Quellen:

     

    • Podcast der Heinrich-Böll-Stiftung über Social Bots.