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1 | 2017

Das E-Magazine der Techniker Krankenkasse

Warum wir uns für andere engagieren

Eltern kümmern sich um ihre Kinder. Pfadfinder tun jeden Tag eine gute Tat. Politisch Aktive engagieren sich für eine gerechtere Zukunft. Andere setzen Zeit und Geld ein, um Notleidenden zu helfen. Beim Sport, in der Schule, in der Pflege, bei der Feuerwehr, in der Selbstverwaltung einer Krankenkasse oder als Schöffe bei Gericht – überall gibt es Gelegenheit, etwas für andere zu tun.

Mehr als vier von zehn Bundesbürgern engagieren sich, so der Freiwilligensurvey des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2014. Bei jungen Leuten zwischen 14 und 24 Jahren, den 35- bis 49-Jährigen und Menschen mit höherem Bildungsabschluss sogar jeder zweite, Tendenz steigend. Warum tun wir das? Was bringt uns der Einsatz für andere?

Schon Kleinkinder wollen helfen

Viele Forscher sind heute überzeugt: Helfen ist uns in die Wiege gelegt. Ein Team des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig fand zum Beispiel heraus: Schon 18 Monate alte Kinder unterbrechen spontan ihr Spiel, um zu helfen. Sie heben heruntergefallene Stifte auf, zeigen auf einen gesuchten Gegenstand oder schieben Hindernisse aus dem Weg. Auch bei manchen Tierarten lässt sich Hilfsbereitschaft finden. Asiatische Elefanten trösten verängstigte Mitglieder der Herde. Schimpansen adoptieren Waisenkinder, und Ratten versuchen, gefangene Artgenossen zu befreien.

Warum Menschen anderen helfen

Wie konnte sich so ein Verhalten in der Evolution entwickeln? Seit der britische Sozialphilosoph Herbert Spencer im 19. Jahrhundert das Schlagwort vom „Überleben des Stärkeren“ in die Welt setzte, glauben viele, dass es der reine Egoismus ist, der die Welt regiert und unser Verhalten bestimmt. Aber schon Darwin hatte erkannt, dass kooperative Gemeinschaften besser florierten und mehr Nachkommen hatten als Gruppen, bei denen jeder sich selbst der Nächste ist.

Viele Experimente und Computersimulationen haben in den letzten Jahrzehnten überzeugend gezeigt, dass kooperative Gemeinschaften tatsächlich erfolgreicher sind als Gruppen, bei denen jeder auf seinen eigenen Vorteil aus ist. In solchen Gemeinschaften teilen Menschen ihre Ressourcen miteinander, sie handeln verantwortlich und sorgen dafür, dass keiner übervorteilt wird. Die Experimente belegen aber auch: Kooperation kann sich nur halten, wenn die Egoisten im Zaum gehalten werden. Denn kaum jemand will sich durch Trittbrettfahrer ausnutzen lassen, die vom gemeinsam erwirtschafteten Gut profitieren, aber selber nichts beitragen. Wird das unkooperative Verhalten nicht sanktioniert, folgen mehr und mehr Mitglieder diesem Beispiel.

Doch es gibt ein Gegenmittel: das Streben nach Gerechtigkeit und Fairness. Der Ökonom und Verhaltensforscher Ernst Fehr von der Universität Zürich konnte nachweisen: Menschen sind bereit, hohe Kosten zu tragen, damit Trittbrettfahrer zur Rechenschaft gezogen werden. Das hat seinen Grund. Denn in Gemeinschaften, in denen unkooperatives Verhalten mit Strafe bedroht ist, können sich die Regeln der Kooperation besser durchsetzen.

Sich selbst und anderen Gutes tun 

Heute mehren sich die wissenschaftlichen Hinweise, dass nicht nur die Gruppe davon profitiert, wenn ihre Mitglieder einander unterstützen, sondern auch die Helfenden selbst. Ein Forscherteam um den Berliner Entwicklungspsychologen Professor Denis Gerstorf wies in einer Langzeitstudie nach: Wer sich sozial engagiert, fördert auch das eigene Wohlbefinden – und profitiert bis ins hohe Alter davon.

Und zwar unabhängig von anderen Faktoren, die bekanntermaßen das Wohlbefinden beeinflussen, etwa Bildungsgrad oder Gesundheit. Andere Studien zeigen sogar: Menschen, die sich für andere einsetzen, leben im Durchschnitt länger. Es gibt also mächtige Vorteile für kooperatives soziales Verhalten.

Wir sind auf Mitgefühl angelegt

Was evolutionär so von Vorteil ist, muss in körperlichen Phänomenen verankert sein. Und das ist es. Denn Menschen sind auf Mitgefühl angelegt. Wir haben die angeborene Fähigkeit, die Gefühle anderer zu erkennen – spontan und automatisch. Neuropsychologen sagen: Gefühle sind ansteckend. Dazu hat uns die Natur mit sogenannten Spiegelneuronen ausgestattet. Wenn wir wahrnehmen, dass ein anderes Lebewesen leidet, werden in unserem Gefühl die gleichen Nervenzellen aktiv wie im Gehirn des Leidenden. Sehen wir jemanden, der sich freut, feuern auch in unserem Gehirn die Neuronen, die bei Freude aktiv sind. Diese Fähigkeit ist eine Voraussetzung dafür, dass wir erkennen, wenn andere unserer Hilfe bedürfen.

Viele Hilfeleistungen sind spontan und intuitiv. Anderen geht ein rationales Abwägen voraus, mit dem wir unseren Impuls zu helfen stärken, aber auch unterdrücken können. So kommt es oft gerade dann, wenn bei einem Unfall viele Menschen vor Ort sind, dazu, dass keiner hilft. „Verantwortungsdiffusion“ nennt das Hans-Werner Bierhoff. Jeder meint, es käme auf ihn nicht an. Doch das stimmt nicht. Jeder von uns trägt dazu bei, ob die Gemeinschaften, in denen wir leben, kooperativ oder von Eigennutz geprägt sind. Trauen wir uns also ruhig etwas mehr Verantwortung zu.