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3 | 2015

Das E-Magazine der Techniker Krankenkasse

Analoge Freiräume schaffen

Junior-Professor Alexander Markowetz ist Informatiker an der Universität Bonn. Zusammen mit seinem Team erforscht er in einer groß angelegten Studie (200.000 Teilnehmer), wie viel Zeit Menschen mit ihrem Handy/Smartphone verbringen. Die Teilnehmer der Studie haben mit Hilfe einer App ihre Nutzungs-Gewohnheiten erfassen lassen. Wir haben mit dem Wissenschaftler darüber gesprochen.

Im Interview

Junior-Professor Alexander Markowetz

Ist der Digital-Trend auch bald wieder vorbei?

Nein, auf keinen Fall. So funktioniert Digitalisierung nicht. Denn genauso wenig wie sie an einem ganz bestimmten Tag aufgekommen ist, wird sie auch nicht zu einem bestimmten Termin wieder vorüber sein.  Etwa alle fünf Jahre wird etwas Neues kommen. Dieser stete Wandel stresst, zerlegt und überwältigt uns geradezu. Nächstes Jahr tragen wir Uhren, die alles speichern und vieles können; im Jahr darauf sind es vielleicht schon Helme. Danach wird womöglich ein Stecker im Nacken installiert. Nein – es ist noch lange nicht vorbei.

Im Interview

Und wie sieht es im Umgang mit dem Handy aus?

Der Peak beim Handy ist meiner Meinung nach erreicht. Mehr kann es nicht werden. Bei den digitalen Eliten finden schon jetzt sogenannte digitale Diäten oder auch ein digitaler Sabbat statt. Es ist quasi “in” und ausgesprochen erstrebenswert, sich analoge Freiräume zu schaffen, enthaltsam ohne Handy zu leben. Diese Auszeiten, die jeder für sich selbst festlegen und bestimmen kann, werden sowohl für Content als auch in der Kommunikation kommen. Dann könnte die Devise für den Feierabend lauten: Weg mit dem Handy ab 19 Uhr! Oder das Wochenende wird eingeläutet, indem das Smartphone irgendwo in der Schreibtisch-Schublade verschwindet und nicht mehr angerührt wird. Man wird nicht länger damit protzen, dass man das neueste Handy hat, sondern dass man Anna-Karenina liest – auf Papier, in Leder gebunden.

Wie kann ich mich ganz konkret vor zu viel Handykonsum schützen?

Die permanente Ablenkung durch das Handy ist in jedem Fall ein Problem. Man kann sich bisweilen ja gar nicht mehr länger konzentrieren, weil immer wieder aufs Display geschaut und auf neue Nachrichten gewartet wird. Der Arbeitsfluss wird – so ist es auch wissenschaftlich beleget – ständig gestört. Nach jeder Unterbrechung muss ich mich erst einmal wieder einfinden in die Materie, mit der ich mich eigentlich beschäftigen wollte. Eine Lösung für dieses Problem könnte sein: den Handy-Gebrauch zum Beispiel räumlich einzuschränken. Kein Handy mehr im Schlafzimmer oder keine Handynutzung auf der Couch. Auch eine zeitliche Einschränkung kann nützlich sein. Es geht vor allem darum, längere Zeitabschnitte zu schaffen, in denen man sich nicht unterbricht.

Welche Empfehlungen geben Sie persönlich?

Der Griff zum Handy ist eine Art Übersprunghandlung. Unüberlegt und instinktiv wird zum Handy gegriffen – ähnlich wie ein Raucher erneut zur Zigarette greift. Es ist gerade langweilig, ich stehe gerade so rum – schwupps, schaue ich doch mal, was so los ist. Wenn ich den Zugriff erschwere, indem ich das Handy zum Beispiel nicht mehr in der Jackentasche, sondern tief unten im Rucksack vergraben habe, ist es schon weniger leicht “zuzugreifen”. Wecker und Uhr statt Handy sind auch schon ein guter Anfang. Tricksen Sie sich selbst aus, um Verzicht zu üben. Wenn man in großer Gruppe zum Essen zusammenkommt, kann man alle Mobiltelefone stapeln. Der erste, der sein Handy benötigt, übernimmt die Rechnung. Eine schöne Variante – die aber je nach Absprache auch anders ausgehen kann…