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3 | 2015

Das E-Magazine der Techniker Krankenkasse

Mythen über den Digitalismus

Die Digitalisierung ist inzwischen in so gut wie alle Bereiche des alltäglichen Lebens eingedrungen und überall fest verwurzelt. Niemand will sich die eigene Arbeitsstelle oder den Alltag mehr ohne Computer vorstellen. Trotzdem gibt es eine Menge "Wahrheiten" rundum die moderne Kommunikation, die ins Land der Mythen verbannt werden müssen. Hier ist eine kleine Auswahl.

Macht zu viel Googeln dumm?

Im Netz etwas nachzulesen, macht mit Sicherheit nicht dumm.  Aber ein bisschen Wahrheit ist dennoch dran: Denn je mehr wir unser Gehirn mit Informationen und Klicks und Links überfrachten, desto weniger kann es sich merken. Um Infos zu verarbeiten, brauchen wir Zeit und Muße. Denn aus dem Arbeitsgedächtnis (in dem alle Informationen zuerst landen) müssen die vielen Neuigkeiten erst mal ins Langzeitgedächtnis transportiert werden. Dort landet aber immer weniger, weil das Arbeitsgedächtnis nur eine begrenzte Menge von Informationen verarbeiten kann. Alles, was wir uns neu anlesen – in kurzen, internetgerechten Häppchen – fließt dann quasi ungespeichert durch. Wirklich schlauer macht uns diese Art des Lesens also nicht. Es ist ein wenig wie mit “Fast-Food”-Essen, von dem werden wir auch nicht richtig satt.

Raubt uns WhatsApp Zeit und Verlässlichkeit?

Es gibt Berechnungen, nach denen Schüler – die in WhatsApp-Gruppen unterwegs sind – an die 200 Mitteilungen pro Tag absetzen und knapp 300 Nachrichten täglich selbst erhalten. Unfassbar viel – aber so eine kurze Nachricht ist ja auch schnell geschrieben. Ein Frage-Antwort-Chat wie “Sehen wir uns gleich? – Ja, ich freu mich!” ist da noch die harmloseste und schnellste Variation. Geht es um mehr, wie eine konkrete Verabredung, wird meist länger “lamentiert”. Denn, so haben es Sozialforscher formuliert, Jugendliche haben für sich die “The Winner takes it all”-Mentalität entdeckt.  Je länger sie also hinauszögern, eine konkrete Entscheidung zu treffen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei der besten Party und der coolsten Verabredung landen. Für die Generation Smartphone ganz normal – Eltern müssen sich wohl daran gewöhnen….

Mütter am Handy – zu wenig Gespräch mit Kindern?

Kinder lernen Sprache und Sprechen, indem sie zuhören und nachahmen. Je mehr mit einem Kleinkind gesprochen wird, desto besser für die Sprachentwicklung. Direkte Ansprache mit Blickkontakt – ins Babybettchen oder auch in den Kinderwagen hinein – ist von klein auf nicht nur wünschenswert, sondern auch erfolgsversprechend. Denn Kinder, die eingebunden sind, denen viel erklärt und gezeigt wird, haben sprachlich besonders gute Entfaltungsmöglichkeiten. Singspiele, Fingerreime, Klatsch- und Bewegungsspiele können zusätzlich den Sinn für Sprache verfestigen. Kindern, die wenig Ansprache erleben, weil in der Familie sehr viel Handy stattfindet, haben  es somit definitiv schwerer, das Sprechen zu lernen.

Führen die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten mit Smartphone & Co. gerade bei jüngeren Nutzern zu einer Verarmung der sozialen Kontakte?

Nein, sagen Experten. Studienergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche Mobiltechnologien intensiv nutzen, um soziale Kontakte zu pflegen und auszubauen (U25-Studie “Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt”, Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet, Februar 2014).

Auch bei der Ablösung vom Elternhaus spielen digitale Medien eine wichtige Rolle, da sie Räume bieten, in die Eltern nur zum Teil Einblick erhalten (können). Professor Dr. Johannes Fromme, Experte für Erziehungswissenschaftliche Medienforschung und Medienbildung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg erläutert zudem, Smartphones und Handys unterstützten junge Menschen dabei, außerhalb des familiären Umfelds eigene Beziehungen zu entwickeln und zu pflegen.

Ist Online- Ersatz für Face-to-Face-Kommunikation?

Nein,  Forscher kommen bei der Auswertung der U25-Studie zu dem Ergebnis, dass durch die Kombination verschiedener Kommunikationsmittel die soziale Integration in der Familie und im Freundeskreis gefördert werden kann. Zusammen mit der „Offline-Kommunikation“ mit Familienmitgliedern und Freunden leisten digitale Medien nach Ansicht der Autoren einen wesentlichen Beitrag zur Identitätsfindung und zum Selbstverständnis von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Auch Erziehungswissenschaftler Fromme kommt zu dem Schluss, dass die „Face-to-Face-Kommunikation“ mit dem Freundes- und Bekanntenkreis durch digitale Kommunikationsformen nicht ersetzt, sondern fortgeführt, ergänzt und zum Teil sogar vertieft werden kann.