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3 | 2015

Das E-Magazine der Techniker Krankenkasse

“Wollen wir Fotos gucken?”

Specials

Was tun, wenn das Kleinkind nach dem Smartphone der Eltern greift? Erlauben oder verbieten? Unser Redakteur hat darauf eine klare Antwort gefunden: irgendwas dazwischen!

Es ist ein acht mal zwölf mal einen Zentimeter großes Wunder. Man kann damit spielen, fotografieren, E-Mails checken, simsen, sich das Wetter prognostizieren und von A nach B navigieren lassen. Ach ja, telefonieren geht auch noch. Ganz ehrlich, für mich sind Smartphones Wunder!

Mein Kind hat mich durchschaut

Manchmal verkrieche ich mich mit meinem Wunder in einer Ecke, um in Ruhe zu wischen und zu tippen. In letzter Zeit werde ich dabei öfter von einem kleinen Wesen beobachtet. Meiner Tochter, zwei Jahre und acht Monate alt. Sie möchte auch gern wischen und tippen. Wenn ich höre, wie sie sich nähert, versuche ich schnell, das Smartphone irgendwo zu verstecken. Verstecken bringt natürlich nichts, das Kind hat mich ja längst durchschaut. Es kommt mit seinem strahlendsten Lächeln auf mich zu, streckt seine Hand aus und sagt: “Wir wollen Fotos gucken!” Zur Bestätigung seiner Worte nickt es eifrig mit dem Kopf.

Und nun? Bin ich in der Bredouille: Ein ganzes Heer an Pädagogen, Psychiatern und Neurologen warnt davor, Kleinkinder zu früh mit digitalen Medien in Kontakt zu bringen. Kein  Wischen, kein Tippen, sonst drohen später Lernschwierigkeiten, Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen. Auf der anderen Seite benutze ich das Smartphone in schöner Regelmäßigkeit, um Fotos und Videos von meiner Tochter zu machen. Und eine Sekunde später verbiete ich ihr dann, sich dieselben Bilder anzusehen? Das kommt mir ziemlich heuchlerisch vor.

Flimmernde Bildschirme sind angesagt

Wie regeln andere das bloß? In der aktuellen “miniKIM”-Studie (das KIM steht für “Kleinkinder und Medien”) wird das Mediennutzungsverhalten von Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren untersucht. Danach spielt das Handy in dieser Altersgruppe noch keine tragende Rolle, der flimmernde Bildschirm aber schon: 43 Prozent sehen jeden oder fast jeden Tag fern, dabei bringen es die zwei- bis dreijährigen Kinder auf durchschnittlich 34 Minuten Fernsehkonsum, die vier- bis fünfjährigen sogar schon auf 52 Minuten. Ich finde das enorm viel, meine Tochter kommt im Durchschnitt auf exakt null Minuten.

Eine Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis offenbart einen realexistierenden erzieherischen Spielraum in Sachen Mediennutzung, der von Anarchie bis Totalitarismus reicht. Die einen setzen (fast) gar keine Grenzen und “parken” ihre Sprösslinge bereits im Krabbelalter vor Fernseher und Touchpad; die anderen erlauben es der inzwischen achtjährigen Tochter nicht, Smartphones und Laptops der Eltern auch nur zu berühren.

Der große Rest mäandert irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Ich auch, mit einem leichten Hang zum Totalitären vielleicht. Internet, Fernsehen, Onlinespiele – gibt’s mit mir nicht, dafür ist die Kleine noch zu klein. Aber wenn meine Tochter mich mit dem Smartphone erwischt, darf sie sich schon mal durch die Unzahl von Fotos wischen, die seit ihrer Geburt entstanden sind und auch ein paar selbstgemachte Videos anschauen. Nach spätestens zehn Minuten befehle ich: “So, jetzt ist aber Schluss.” Manchmal wird das sogar ohne Protest hingenommen.

von Jens Findeisen

Ab welchem Lebensalter sollten Kinder anfangen, sich mit dem Handy zu beschäftigen?