Inhalt Alle Ausgaben
3 | 2016

Das E-Magazine der Techniker Krankenkasse

Alle Sinne beisammen

Haben auch Sie sich schon mal überlegt, auf welchen Ihrer fünf Sinne Sie am ehesten verzichten könnten? Die Meinungen sind hier durchaus unterschiedlich, setzt doch jeder Mensch andere Prioritäten. Und bei näherer Betrachtung ist es tatsächlich so einfach nicht. Denn nur gemeinsam sind unsere Sinne stark.

von Maria Schwormstedt

Stellen Sie sich vor, Sie machen einen Spaziergang oder eine Radtour durch den Wald. Sie sehen herrliche Natur, die Sonne schimmert zwischen den Bäumen hindurch und wärmt Ihre Haut. Es riecht nach Moos und Bäumen, Walderdbeeren locken zum Vernaschen und die Vögel zwitschern. Eine Idylle, in der es alles gibt, was unsere Sinne glücklich macht. Genuss mit allen Sinnen. Weder auf Geräusche, noch auf visuelle Eindrücke oder Gefühltes möchte man da verzichten.

Wichtiger noch als Denken

Denken ist Glückssache. Stimmt nicht ganz – denn beim Denken muss man schließlich noch denken. Unsere Sinne hingegen funktionieren „automatisch“. Deshalb sind sie für unser Leben und mitunter auch fürs Überleben unverzichtbar.

Verantwortlich für das Funktionieren unserer Sinne ist das Nervensystem. Es dient unter anderem dazu, physikalische und chemische Reize wahrzunehmen, zu verarbeiten und die entsprechende Reaktion des Körpers darauf zu steuern. Das Nervensystem besteht aus vielen Milliarden Nervenzellen, allein im Gehirn gibt es etwa 100 Milliarden dieser, medizinisch Neurone genannten, Zellen. Sie sind durch die sogenannten Synapsen miteinander verbunden, die die einzelnen Impulse zwischen den Zellen weiterleiten.

Professor Frank Zufall, Zentrum für Integrative Physiologie und Molekulare Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes, erklärt: „Ganz einfach gesagt, nehmen die Rezeptoren der Sinnesorgane die Reize aus der Umwelt auf und wandeln sie in elektrische Impulse um. Über die Neurone werden diese dann in bestimmte Regionen des Gehirns weitergeleitet, analysiert und verarbeitet. Dabei sind die unterschiedlichen Gehirnregionen jeweils miteinander verbunden – sie funktionieren also nicht isoliert, sondern gemeinsam.“

Als Duo unschlagbar

Riechen und Schmecken werden oft unterschätzt – aber in Wahrheit beeinflussen sie unser Leben ganz erheblich. Gerüche beispielsweise lösen bestimmte Erinnerungen aus. Sie riechen ein bestimmtes Parfüm – und schon fällt Ihnen Ihr letzter Urlaub ein. Oder es „duftet“ nach Hühnersuppe und Sie sehen sofort Ihre Großmutter vor sich, die Sie bei Krankheit immer so liebevoll damit versorgt hat.

Zahlreiche Nervenverbindungen belegen außerdem, dass Gerüche immer unsere Gefühle berühren – wir finden sie zum Beispiel angenehm oder abstoßend, beruhigend oder anregend …

Aber auch das leckerste Essen schmeckt so ziemlich nach nichts, wenn die Nase nicht mitspielt. Denken Sie einmal daran, was sie schmecken, wenn Sie einen Schnupfen haben. Wir schmecken genaugenommen sowieso „nur“ süß, sauer, salzig, bitter und umami. Letzteres haben Sie noch nie gehört? Es ist japanisch und bedeutet „herzhaft, fleischig, pikant und köstlich“. Im Jahr 1908 vom japanischen Forscher Ikeda entdeckt, bestätigten im Jahr 2000 amerikanische  Wissenschaftler die Existenz entsprechender Geschmacksknospen auf der Zunge: Rezeptoren, die die Aminosäure Glutaminsäure  anzeigen, bekannt als Glutamat.

„Differenziertere Geschmackserlebnisse erfahren wir nur im Zusammenspiel mit dem Geruchssinn. Denn die Nase hat mehrere hundert verschiedene Rezeptoren, die es möglich machen, unzählig viele unterschiedliche Gerüche wahrzunehmen. Der Geschmack des Essens gelangt direkt aus dem Mund an die Riechschleimhaut. Daher werden die verschiedenen Speisen so intensiv wahrgenommen“, erklärt Professor Zufall.

Hören Sie gut zu

Manche Menschen denken, sie könnten am ehesten auf ihre Ohren verzichten. Dabei ist das Ohr zum Beispiel dem Auge um Einiges überlegen: Es ist das differenzierteste Sinnesorgan und kann Unterschiede in einer Bandbreite wahrnehmen, wie es das Auge niemals schaffen würde. Nicht zuletzt ist ein funktionierendes Gehör außerdem die Voraussetzung dafür, dass wir sprechen lernen. Denn auch im digitalen Zeitalter ist bis jetzt noch – glauben Sie’s oder nicht – die Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel.

Und auch beim Ohr haben wir wieder die Verbindung einzelner Sinne – in diesem Fall vor allem zu den Augen. Professor Zufall weiß: „Der sogenannte vestibulo-okuläre Reflex – übrigens einer der schnellsten Reflexe im zentralen Nervensystem des Menschen – benötigt nur wenige Millisekunden und ermöglicht es uns, trotz Bewegung – zum Beispiel beim Joggen – ein ruhiges, stabiles Bild der Umwelt zu sehen.“ Selbst hochleistungsfähige Kamerasysteme schaffen das heute lange noch nicht so perfekt.

Die Haut ist „das Größte“

Das Sinnesorgan, an das die meisten Menschen zuletzt denken, ist unser größtes, nämlich die Haut. Über diese mechanische Reize wahrzunehmen, wird auch als Tastsinn bezeichnet. Der Neurobiologe spricht vom somatosensorischen System, wenn er außerdem noch das Empfinden von Druck, Schwingungen und Temperatur beschreibt. Anders als beim Hören, Riechen, Schmecken und Sehen sind die Rezeptoren des somatosensorischen Systems über den ganzen Körper verteilt. Und sie erfüllen durchaus lebenswichtige Aufgaben. Sie lassen uns etwa Schmerzen empfinden oder auch die Temperatur von Gegenständen oder der Umgebung einschätzen.

Sie „sehen“, Ihre Sinne machen das Leben erst lebenswert. Seien Sie sich daher aller fünf bewusst. Denn wie gesagt: Als Team sind sie unschlagbar.