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3 | 2016

Das E-Magazine der Techniker Krankenkasse

Erinnern ist kreativ

Unser Gehirn ist kein Computer – und unsere Erinnerungen nicht einfach eine Sammlung von Dateien, die wir eins zu eins abrufen könnten. Stattdessen legt unser Gehirn alles, was wir verarbeiten, als Gedächtnisspuren ab. Und die fügen wir beim Erinnern aktiv wieder zusammen.

Was wir ins Langzeitgedächtnis aufgenommen haben, speichern wir an unterschiedlichen Regionen des Hirns, vor allem in der Hirnrinde. Wenn wir dieses Wissen benötigen, setzt unser Gehirn es wieder neu zusammen. Kognitionspsychologe Professor Dirk Wentura von der Universität des Saarlandes: “Dabei spielen Schlüsselreize eine besondere Rolle. Schlüsselreize sind Merkmale des Erlebten, die damit verbundene Gedächtnisspuren zugänglich machen. ” Zum Beispiel Gerüche. Sie sind besonders starke Schlüsselreize und können schnell komplexe Erinnerungen wecken.

Erinnerung verbindet sich mit neuen Informationen

Doch jedes Mal, wenn wir uns erinnern, wird die Erinnerung instabil. Sie verbindet sich mit neuen Informationen ­– zum Beispiel aktuellen Gefühlen oder neuem Wissen. Anderes, das gerade unwichtig erscheint, gerät in den Hintergrund. „Je öfter wir zum Beispiel Fotos aus unserer Kindheit betrachten, desto stärker dominieren diese Bilder andere Erinnerungen“, so Wentura.

Manchmal liefert uns zudem das Gehirn beim Erinnern nicht alle Informationen mit. Dann neigen wir dazu, einen plausiblen Ersatz für die fehlende Information zu suchen. Es ist sogar möglich, dass wir ganze Erlebnisse erfinden, die gar nicht stattgefunden haben. Wentura: „Forscherinnen wie Elisabeth Loftus oder Julia Shaw haben nachgewiesen, wie Menschen durch Fehlinformationen über ihre Vergangenheit dazu gebracht werden können, sich fälschlicherweise als Opfer von Straftaten oder gar als Täter zu sehen. Diese Menschen erfanden sogar Details zu den Erlebnissen, die sie gar nicht gehabt haben.“

Es liegt mir auf der Zunge

Andererseits fällt uns manchmal beim besten Willen zum Beispiel der Titel eines Films nicht ein, der uns letzten Monat so gut gefallen hat. Oder der Name eines Kollegen – obwohl er uns auf der Zunge liegt. „Dann fehlt uns im Moment der richtige Schlüsselreiz, mit dem wir diese Information verbinden könnten“, sagt Wentura. „Oder es wird eine ähnliche, aber falsche Information durch den Schlüsselreiz abgerufen, so dass die richtige in den Hintergrund gedrängt wird.“ Sein Tipp: Einfach abwarten. Ein paar Minuten später wird uns der Name vermutlich wieder einfallen.