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3 | 2016

Das E-Magazine der Techniker Krankenkasse

Erinnern – die Kunst des Weglassens

In jeder Sekunde erhält das Gehirn Tausende von Informationen. Knapp zwei Prozent davon können – laut Wissenschaft – überhaupt nur verarbeitet werden. Der Geruch von frisch gemähtem Gras, das Blau des Himmels, wir registrieren das Hupen von Autos und ein schreiendes Kind im Kinderwagen. Mit all diesen Einflüssen gehen wir wählerisch um: Im Gedächtnis gespeichert wird dauerhaft nur, was uns heute und in Zukunft hilft, richtig zu handeln.

von Anne Frobeen

Beim Aussortieren ist unser Gedächtnis radikal. Was nur für den Moment Bedeutung hat, vergessen wir gleich wieder. So können wir uns zum Beispiel eine neue Telefonnummer merken, bis wir sie eingegeben haben. Anschließend entfällt sie uns – es sei denn, wir verleihen ihr Bedeutung. Zum Beispiel, indem wir sie wiederholen, mit ihr spielen, sie mit Bildern verbinden, ein kleines Gedicht daraus machen oder sie mit einer Geschichte verknüpfen.

Jan Born, Professor für Verhaltensneurobiologie an der Universität Tübingen, erforscht seit Jahren, wie sich das Gedächtnis bildet. Er sagt: „Ins Langzeitgedächtnis gelangen vor allem die Informationen, die emotional und relevant sind – und solche, die auf Regeln im Erlebten hinweisen.“ Unser Gedächtnis hilft uns auf diese Weise, uns im Alltag zurechtzufinden und schnell Entscheidungen zu treffen. Doch auch das Nichtstun ist wichtig – vor allem der Schlaf. Born fand heraus, wie der Schlaf dabei hilft, Gelerntes dauerhaft im Langzeitgedächtnis zu speichern.

Lernen im Schlaf

„Abends erinnern wir uns recht genau und mit vielen Details daran, was wir tagsüber wann und wo gemacht haben“, sagt Born. „Doch wenn die Erinnerungen nicht konsolidiert und stabilisiert werden, zerfallen sie und werden vergessen.“ Der Prozess, der das verhindert, findet vor allem im Tiefschlaf statt.

„Während des Tiefschlafs versetzt die Hirnrinde weite Teile des Gehirns in Schwingungen von hohen, langsamen Wellen“, berichtet Born. „Während besonders großer Schwingungen spielt das Gehirn neuronale Muster noch einmal ab, die sich während des Lernens im Hippocampus gebildet haben.“

Der Hippocampus ist eine für das Gedächtnis sehr wichtige Hirnregion. „Während dieses ‚Replays‘”, so Born, „überträgt unser Gehirn das Gelernte in das Langzeitgedächtnis in der Hirnrinde. Und dabei reduziert es wahrscheinlich die Informationen auf seinen Kern.“ Deshalb erinnern wir uns später meist nicht daran, wo wir etwas erfahren haben. Wir wissen nur, dass wir es wissen. „Zugleich“, so Born, „hebt das Gehirn Strukturen und Merkmale des Gelernten stärker hervor. Wir erkennen deshalb nach dem Tiefschlaf plötzlich Zusammenhänge, die uns vorher nicht bewusst waren.“

Born hat in Experimenten nachgewiesen, dass sich die Fähigkeit, sich zu erinnern, künstlich steigern lässt. Zum Beispiel, indem man die Schwingungen des Gehirns künstlich verstärkt. Etwa durch einen leisen Ton, der immer in einer bestimmten Phase der langsamen Schwingung auftritt. Auch ein Erinnerungsreiz, etwa ein Geruch, den man schon beim Lernen in der Nase hatte, kann das neuronale Wiedererleben im Schlaf hervorrufen.

Besser erinnern

„Auch wer sich bewusst sagt: ‚Das ist wichtig, das muss ich mir merken‘, macht einen Inhalt für das Gehirn bedeutsam“, sagt Born. „Man kann sich das vorstellen wie eine Art Marker, der dem Inhalt beim Einspeichern angeheftet wird. Das Gehirn sagt sich dann: ‚Das brauche ich, ich muss es aufbewahren‘.“

Außerdem können Sie das Erinnern bewusst unterstützen, indem Sie dafür sorgen, dass Sie nach dem Lernen schlafen. Sie brauchen allerdings den Tiefschlaf. Deshalb nützen Ihnen Schlafmittel dabei nicht, wohl aber eine generell gesunde Lebensweise, zum Beispiel mit ausreichend Bewegung, gesunder Ernährung und Zurückhaltung beim Alkohol.

Vor allem Kinder lernen im Tiefschlaf

Bei Kindern und Jugendlichen sind die Tiefschlafphasen im Schlaf viel häufiger als bei Älteren. Sie lernen deshalb besonders schnell. Ab etwa 40 Jahren wird der Tiefschlaf deutlich weniger. Born: „Dadurch ist auch das neuronale Wiedererleben, der Replay, weniger wirksam. Ältere brauchen deshalb länger, bis sie etwas komplett Neues gelernt haben. Sie haben es allerdings auch weniger nötig – denn sie haben einen großen Erfahrungsschatz, auf den sie zurückgreifen können.“ Ältere lernen deshalb nicht unbedingt weniger gut als jüngere – nur anders.

Erinnern ist kreativ

Was wir ins Langzeitgedächtnis aufgenommen haben, speichern wir an unterschiedlichen Regionen vor allem der Hirnrinde. Wenn wir dieses Wissen benötigen, setzt unser Gehirn es wieder neu zusammen. Wie das vor sich geht und was dabei alles schiefgehen kann, erfahren Sie im Artikel „Erinnern ist kreativ“.